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Die Geschichte des Hotel Jadran

Foto: TUI BLue Jadran
Foto: TUI BLue Jadran

Die Fassade des Jadran zeigt ein gleichmäßiges Raster aus Balkonen, davor ein früher mal verglaster Pavillon, eine großzügige Terrasse und schließlich die Mole. Entlang des goldenen Schnitts kreuzt eine Vertikale das rechteckige langgestreckte Gebäude und versetzt den Betrachter nach Gotham City, in das Prag zwischen den Weltkriegen oder in eine Bauhausfantasie. Hier erhebt sich ein Turm, dessen wie ein Gitternetz angelegtes Fenstermosaik Licht ins Innere lässt. Auf dem Turm befindet sich ein Aufbau, der von einer Terrasse umgeben und von einer Fahnenstange gekrönt ist. Von hier oben könnte gleich Batman aufflattern. Auch der Rest des Gebäudes würde nach Gotham passen, wie von Frank Miller in schwarzer Tusche gezeichnet. Der Eingang wird von einer konvex gebogenen Wand aus Kalkstein verdeckt. Innen dringt Licht durch das Fenstergitter des Turms und beleuchtet ein Treppenhaus, das sich in einer ovalen Spirale nach oben schraubt, wie in einem Film von Curt Siodmak oder auf einem Filmplakat zu „Vertigo“. Und wenn man überzeugt ist, sich in einer architektonischen Ikone des Modernismus zu befinden, einem Klassiker in Berlin, Prag oder Dessau, wird man unvermittelt mit der jugoslawische Vergangenheit des Hotels konfrontiert: ein Wandbild zeigt alle jugoslawischen Völker in ihrer jeweiligen Tracht brüderlich vereint beim Kolo-Tanzen. Das steht im krassen Gegensatz zur strengen Moderne des Gebäudes. Dann läuft man weiter durch dieses lebende Bauhaus, und wann immer sich der Bick durch eine Öffnung nach draußen richtet, sieht man eine Postkartenlandschaft – Kieselsteine, Pinien, Inseln.

Foto: TUI BLue Jadran
Foto: TUI BLue Jadran

Es gab eine Zeit, da war dieses Hotel der ganze Stolz eines Regimes, das erste Hotel der Nachkriegszeit an der jugoslawischen Adria und ein Symbol der Prosperität. Heute ist es die Verkörperung eines jahrzehntelangen Verfalls, der sich mit Worten nur schwer beschreiben lässt – verödet, demoliert, das Inventar im Zerfall begriffen, alles, was nicht niet- und nagelfest ist, geplündert. Das Hotel ging von Hand zu Hand und jeder neue Eigentümer hatte nur einen Wunsch – das Ding abzureißen. Gerettet haben es die Denkmalschützer, und so steht es noch immer am äußersten Rand von Tučepi und symbolisiert den fehlgeschlagenen Übergang zum Kapitalismus.
Ein rotes Absperrband soll Neugierige fernhalten, doch ohne Zögern springe ich drüber. Zerbrochene Keramikfliesen liegen herum, abgebrochene Äste, leere Blechdosen und Abfall. Die Demütigung ist absolut, ein sichtbares Zeichen, wie sehr diese Gesellschaft das Beste vernachlässigt, was sie selbst erschaffen hat. Während man die Landschaft der Zerstörung betrachtet, erkennt man den Zauber des Gebäudes. Was man nicht sehen kann, ist die unglaubliche Geschichte hinter dem Hotel, eine Geschichte, die die Essenz der Ereignisse aus siebzig Jahren beinhaltet.

Das Hotel Jadran in Tučepi wird behandelt wie das hässliche Kind des Totalitarismus. Errichtet wurde es kurz nach dem Krieg als Feriensitz der jugoslawischen Geheimpolizei – der Udba. Die Legende erzählt, dass damals eine vom Chef der Geheimpolizei Aleksandar Ranković persönlich ausgewählte Kommission mit einem Motorboot die Küste von Süden nach Norden hinauffuhr, um nach einem geeigneten Ort Ausschau zu halten, wo die Spitze des Unterdrückungsstaates die Sommerfrische verbringen würde. Sie schipperten die ganze Adria hinauf und entschieden sich für einen unbewohnten Küstenstreifen ohne Straßenanbindung zwischen dem damals winzigen Dorf Tučepi und dem nahegelegenen Makarska.

Anschließend brauchten die jugoslawischen Geheimpolizisten noch einen Bauplan. Den gaben sie bei Branko Bon in Auftrag, einem Architekten von der Insel Krk, der bereits in der Zeit zwischen den Kriegen Ruhm erlangt hatte. In Belgrad hatte er die „Palata Albanija“ mitentworfen, das hervorstechendste Gebäude auf Belgrads Hauptstraße Kneza Mihajlova und das zu der damaligen Zeit höchste Hochhaus Osteuropas. Bon war ein anerkannter Architekt des Vorkriegsregimes, aber von diesem Regime war er auch inhaftiert worden. Später ging er zu den Partisanen, weshalb er auch unter dem neuen Regime hohes Ansehen genoss. Im Auftrag der Geheimpolizei entwarf Bon für Tučepi ein Gebäude, das in vielerlei Hinsicht ein Unikum war. Denn damals – Ende der 40er – erneuerte sich Europa. Die Menschen gingen in Lumpen und lebten in Ruinen, und alle europäischen Nationen (und auch Jugoslawien) bauten Eisenbahnstrecken, Brücken, Krankenhäuser, Bahnhöfe. Hotels wurden wenige oder gar keine gebaut, außer von der jugoslawischen Geheimpolizei.

Foto: TUI BLue Jadran
Foto: TUI BLue Jadran

1948 wurden immer noch tausende deutscher Kriegsgefangenen in Lagern von der Regierung am Leben erhalten und als Sklaven missbraucht. So wurde auch das Hotel in Tučepi von deutschen Zwangsarbeitern errichtet. Einen von ihnen hat der Journalist Anđelko Erceg vor einiger Zeit aufgestöbert. Der Wiener Arzt Hans Lang war zum Zeitpunkt des Gesprächs 78 Jahre alt, als 19-Jährigen hatte man ihn nach Tučepi gebracht. Er erzählte Erceg, dass die deutschen Häftlinge Blasmusikkonzerte für die Dorfbewohner veranstalteten und mit ihnen Fußball spielten. Hans Lang spielte gut Fußball und so liehen die Einheimischen ihn sich für Spiele in der Kreisliga aus. Sie nahmen ihn mit zu Auswärtsspielen, zum Beispiel nach Brač. „Bjondi Hans“, der blonde Hans, wie er in Tučepi genannt wurde, durfte Mitte 1949 nach Hause, doch er vergaß Tučepi nicht und freundete sich mit einigen der Dorfbewohner an. Wohl als Folge einer Art von Stockholm-Syndrom kehrte er bereits 1953 zusammen mt seiner Frau als Tourist nach Tučepi zurück und machte seine ehemaligen Fußballkameraden ausfindig. Sein Leben lang verbrachte er den Urlaub in eben dem Hotel, das er als Zwangsarbeiter mit aufgebaut hatte. Und die örtlichen Partisanen, die ihn dabei mit dem Gewehr in der Hand bewacht hatten, bedienten ihn nun als Kellner: Kein anderes Bild veranschaulicht besser die Absurditäten des 20. Jahrhunderts im östlichen Mittelmeerraum.

Mitte ’49 durften die deutschen Kriegsgefangenen nach Hause, doch am Hotel wurde noch fünf weitere Jahre gebaut, bis es 1954 schließlich fertig war. Die lange Bauzeit erklärt sich vor allem durch den Mangel an Baumaterial. So wurden zum Beispiel keine neuen Rohre für die Wasserversorgung und Abwasserentsorgung verwendet. Man nahm ausrangierte Rohre eines ausgebrannten Passagierdampfers. In den ersten drei Jahren nach seiner Eröffnung wurde das Jadran ausschließlich von der Polizeielite genutzt, hier hielten sie Konferenzen ab und übten sich im „Teambuilding“. Erreichbar war das Hotel nur über einen notdürftig geschotterten Feldweg, deshalb wurde für den Bootstransfer eine Mole gebaut.
Das Hotel war luxuriös, die Zimmer geräumig aber es gab nur wenige, die Vergnügungs- und Gastronnomieräume waren großzügig angelegt, aber von den geräumigen Zimmern gab es nur wenige.
Ein Luxushotel für die Geheimpolizei, gebaut von einem armen Staat, noch dazu mit Zwangsarbeitern, war damals schon für viele eine abstoßende Vorstellung, und so sah der berühmte Kunsthistoriker Vladimir Prelog im „Jadran“ ein Beispiel für rücksichtslose Vereinnahmung von Landschaft.

Doch bereits drei Jahre nach der Fertigstellung änderte sich das Schicksal des jugoslawischen „Stasihotels“ grundlegend. 1957 war Jugoslawien bereits in seinen ganz eigenen „roaring 50s“. Die ökonomische Entwicklung war schwindelerregend und die ganze Gesellschaft öffnete sich für den Genuss: erste Supermärkte, Kühlschränke, Schlagermusik, Filme, Tourismus. Im gleichen Jahr, als das erste Schlagerfestival von Opatija, das jugoslawische Pendant zu San Remo, stattfand und Zdenka Vučković in der Hymne des neuen Kommunismus ihren Papa trällend aufforderte, ein neues Auto zu kaufen, waren die Zeiten des Jadran als Polizeihotel vorbei, die Türen wurden für die breite Öffentlichkeit aufgestoßen. Von diesem Moment an wuchs die Nabelschnur zum Dorf, in dessen Nähe es errichtet wurde. Zu der Zeit war Tučepi noch ein Dörfchen an den Hängen des Biokovo, die Menschen lebten von Schafen und Oliven, entlang des Kiesstrands stand gerade mal eine Handvoll Häuser, ein paar Bootsschuppen und zwei barocke Ferienhäuser aus dem 18. Jahrhundert, die zwei reichen Geistlichen gehörten. Der Boden am Biokovo ist hart und karg und der Strand einfach zu schön. Deshalb zog das Dorf in diesen Jahren von den Hängen hinunter ans Meer, und ehemalige Landarbeiter, deren Abhängigkeit und Elend vor dem Krieg der Schriftsteller Đuro Vilović beschrieben hat, übernahmen nun Arbeiten im Tourismus. Im neuen Hotel bedienten sie, kochten, bügelten, während tausende sozialistischer Selbstverwalter hier ihren Urlaub verbrachten, aus Slowenien, Nordkroatien, Bosnien und Serbien und schon bald auch aus Deutschland, Österreich, der Tschechoslowakei und Polen. Ich sprach mit einer Frau, deren Mann in den 60ern Direktor des Hotels war. Bei ihnen zu Hause wurde die zweite Telefonleitung des Ortes verlegt. Die erste führte natürlich ins Hotel. Wenn man als Einziger im Ort ein Telefon hat, gibt es logischerweise niemanden, den man anrufen könnte. Deshalb thronte das schwarze Ungetüm auf einem Beistelltischchen und diente dazu, dass ihr Mann in stürmischen Nächten den Nachtportier anrufen konnte, um ihm aufzutragen, in den nach Norden hinausgehenden Zimmern die Jalousien zu schließen.

Foto: TUI BLue Jadran
Foto: TUI BLue Jadran

In den 60ern wandte sich die Riviera von Makarska dem Massentourismus zu, für den der Geheimdienst-Glamour nicht rentabel war. Deshalb gab die örtliche Hotelverwaltung einer ortsansässigen Architektin 1969 den Auftrag zu Umbauten, ein Aufzug wurde eingebaut, die Zimmer verkleinert und ihre Zahl erhöht und auf das Ganze wurde ein weiteres Stockwerk gesetzt. Nach Meinung der späteren Architekturkritik wurde durch diesen Eingriff die perfekte Harmonie von Bons Fassade zerstört. Dennoch war das Hotel Jadran Mittelpunkt des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens. Hier wurde gefeiert: Silvester, Abitur, Hochzeiten. Auf der Hotelterrasse gastierten die Größen des jugoslawischen Showgeschäfts, und einer Legende nach trat auf eben dieser Terrasse der bis dahin glattrasierte junge Sänger Mišo Kovač zum ersten Mal mit einem Schnurrbart auf, seinem späteren Markenzeichen. Mit der Zeit wurde das Hotel jedoch zu klein und die Zimmer waren nicht mehr zeitgemäß. Ende der 80er erwog das sozialistische Amt für Tourismus in Tučepi den Abriss. Doch auch dieser Plan endete in dem tödlichen Fluss, wo in Kroatien alles endete – im Krieg.

Im Krieg wurde das Hotel Tučepi vorübergehend zu einem Heim für kroatische und bosnische Flüchtlinge. 1994 zogen die Füchtlinge wieder aus und hinterließen das Hotel zwar abgenutzt aber immer noch intakt. Im Mai 1996 wurde es privatisiert. Die Eigentümer kamen und gingen, ihre Ehefrauen zeterten in den Medien. Es waren Litauer und Russen und Kroaten, und alle hatten sie den gleichen Wunsch – Bons Meisterwerk abzureißen. Zu der Zeit versicherten mir ortsansässige Journalisten, sie hätten drei unterschiedlich lautende Gutachten der Denkmalbehörde aus Split in Händen gehalten, unterschrieben von der gleichen Person. Dennoch wurde das Hotel 2001 präventiv und 2011 dauerhaft unter Denkmalschutz gestellt. Grundlage hierfür waren Gutachten der Architekten Dinko Peračić und Maroje Mrduljaš. Der Denkmalschutz erlaubt den Bau eines eigenständigen Anbaus und dazu gibt es einen Entwurf. Lokalzeitungen verkündeten jedoch, dass der Eigentümer Jako Andabak mit dieser Lösung unzufrieden sei und es neue Initiativen gebe, „Investitionshürden“ aus dem Weg zu räumen, beziehungsweise Bons Prachtstück abzureißen. In der Zwischenzeit haben ortsansässige Müllverwerter und Plünderer das Hotel bis aufs Letzte gefleddert und praktisch alles mitgenommen: Keramikfliesen, Elektroinstallationen, Holzvertäfelungen, Lüster, Treppengeländer, Kunstgegenstände. Ehemalige Hotelangestellte berichten, dass sie Kunstwerke aus dem Hotel in privaten Wohnzimmern hängen sahen. Eine Anwohnerin, die sich noch an die goldenen Zeiten des Hotels erinnert, berichtet, dass sie einmal auf dem Weg zum Friedhof in einem Hof den ovalen Empfangstresen stehen sah. Das gesamte Interieur – das den Geist der 50er verströmte – ist unwiederbringlich verloren.

Autor: Blog -Schruf-Stipetic

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